Unruhe nach Coaching & Energiearbeit? Warum „Auftauen“ kein Rückschritt ist.
Aktualisiert: 19. Aug.
Du kennst das vielleicht: Du gehst in eine Coaching-, Therapie- oder Somatic Energywork-Session, weil du dich überfordert fühlst, feststeckst oder einfach nur den tiefen Wunsch nach Ruhe hast. Du sehnst dich danach, endlich durchzuatmen.
Doch nach der Session passiert das Gegenteil: Statt tiefem Frieden spürst du eine innere Unruhe, Hektik, aufsteigende Wellen von Emotionen oder plötzlich eine deutliche Grenze in dir.
Der erste Gedanke, der in solchen Momenten oft auftaucht:
„Das hat gar nichts gebracht.“
„Wir haben völlig aneinander vorbeigeredet.“
„Mir ging es vorher besser als jetzt.“

Aus neurobiologischer Sicht, insbesondere wenn wir die Polyvagal-Theorie betrachten, passiert hier jedoch oft etwas ganz anderes. Ein Prozess, der sich im ersten Moment wie ein Rückschritt anfühlt, ist in Wahrheit ein entscheidender Schritt deines Nervensystems zurück ins Leben: Das Auftauen aus dem Freeze.
Vom Freeze in die sympathische Aktivierung: Was im Nervensystem passiert
Wenn der Alltag, Altwasten oder anhaltender Stress deine Kapazitäten langfristig übersteigen, schützt sich dein System. Es schaltet in den sogenannten dorsalen Vagus-Zustand (Freeze).
Das Tückische daran: Ein Freeze bedeutet nicht immer, dass wir regungslos im Bett liegen. Viele Menschen befinden sich in einem funktionierenden Freeze. Du läufst auf Erhaltungsmodus, erledigst deine Aufgaben, bist für andere da, aber innerlich bist du taub, abgekoppelt und erschöpft. Die Kapazität deines Nervensystems ist schlichtweg aufgebraucht.
In diesem Zustand spürst du die Überforderung oft gar nicht mehr in ihrer vollen Intensität, weil dein System die Notbremse gezogen und die Empfindungsfähigkeit heruntergeregelt hat.
Unruhe nach Coaching & Energiearbeit: Der Weg zurück führt durch den Sympathikus
Wenn in einer Session ein geschützter Raum entsteht und sich dieser lange Freeze aufzulösen beginnt, passiert etwas Entscheidendes: Dein Nervensystem taut wieder auf.
Neurobiologisch kann dein System jedoch fast nie direkt von der Taubheit (Dorsaler Vagus) in die vollkommene Sicherheit und Entspannung (Ventraler Vagus) springen. Der Weg zurück verläuft stufenweise über die sympathische Aktivierung:

Dorsaler Vagus (Freeze): Schutz durch Betäubung und Abkopplung.
Sympathikus (Aktivierung): Die festgesteckte, angestaute Energie wird wieder spürbar. Das Nervensystem kommt in Bewegung, das zeigt sich oft als Herzklopfen, Unruhe, Bewegungsdrang, Wut oder Nervosität.
Ventraler Vagus (Echte Regulation): Erst wenn diese Bewegung fließen und da sein durfte, findet das System schrittweise in eine echte, verankerte Ruhe.
Warum sich „Auftauen“ ungemütlich anfühlt
Stell dir vor, deine Hände sind im Winter eingefroren. Wenn du sie ins Warme holst und das Blut zurück in die Finger fließt, schmerzt und kribbelt das zuerst. Es ist unangenehm, aber es ist der Beweis dafür, dass das Gewebe wieder lebt und versorgt wird.
Genau das Gleiche tut dein Nervensystem beim Auftauen:
Du hast dir Entspannung erhofft.
Dein System hat jedoch Auftauen erlebt.
Ohne das Wissen über diese biologischen Zusammenhänge interpretiert unser Verstand diese auftauchende Unruhe nach Coaching & Energiearbeit, sofort als Fehler oder Scheitern. Wir glauben, etwas falsch gemacht zu haben. Doch die Unruhe ist keine Fehlfunktion. Sie ist die Energie, die vorher im Freeze gebunden war und nun endlich Raum bekommt, abzufließen.
Wie wir diesem Gefühl begegnen dürfen
Ein professioneller und nervensystemgerechter Umgang mit diesem Phänomen braucht zwei Dinge: Kein Schönreden, aber eine klare Einordnung.
Deine Grenze hat absolut recht: Wenn sich nach einer Session Unruhe oder Verunsicherung meldet, ist das eine valide Grenze deines Systems. Sie darf da sein und muss nicht „weggeatmet“ oder überspielt werden.
Es braucht kein Pushy-Denken: Echte somatische Arbeit zwingt das System zu nichts. Wenn das Auftauen Stück für Stück passiert, bestimmt dein Nervensystem das Tempo, nicht dein Verstand und nicht deine Erwartungshaltung.
Orientierung und Raum: Das Wichtigste in dieser Phase ist zu wissen: Das, was ich gerade spüre, ist sicher. Es ist nur alte Energie, die sich bewegt.
Fazit: Dein Nervensystem arbeitet für dich, nicht gegen dich
Wenn du das nächste Mal nach einer intensiven Session merkst, dass es in dir laut, unruhig oder emotional wird: Halte kurz inne. Erinnere dich daran, dass Heilung und Regulation selten eine lineare Gerade nach unten in die Entspannung sind.
Manchmal ist die Unruhe kein Zeichen dafür, dass du vom Weg abgekommen bist. Sondern der beste Beweis dafür, dass dein Nervensystem sich erinnert und wieder anfängt, sicher zu spüren.





Kommentare